Trauer

Warum ein ´wie geht’s Dir?´ in der Trauer wenig hilfreich ist

Foto: Silke Hufnagel



Viele Trauernde bekommen die Frage „wie geht’s Dir?“ gestellt. Und viele von ihnen haben mir erzählt, dass sie damit wenig anfangen konnten. Warum das so ist und was Trauernden stattdessen helfen kann, davon erzähle ich Dir in diesem Blogartikel.


Ich kann mich noch gut erinnern, als Papa gestorben war, wurde ich oft gefragt „wie geht’s Dir?“. Diese Frage hat mich überfordert und verständnislos zurückgelassen. Denn: wie soll es mir schon gehen? Papa ist tot – soll ich antworten „prima geht’s mir!“? Sicher nicht. Oder kann es mein Gegenüber aushalten, wenn ich schlicht sage „scheiße geht’s mir?“. Selten hatte ich das Gefühl, auf diese Frage wirklich ehrlich antworten zu können.


Ich bin sicher, es war gar nicht böse gemeint. Schließlich ging es bei der Frage ja darum, sich nach mir zu erkundigen. Und das ist ja an sich etwas Gutes. Nur in der Trauer ist diese Frage schwierig. Abgesehen davon, dass mir oft sofort die Tränen in die Augen schossen, als mir die Frage begegnete, wusste ich einfach nicht, was ich darauf antworten sollte. Was wollte mein Gegenüber denn hören? Die Wahrheit? Wirklich? Leider wird die Frage oft auch in der Hoffnung gestellt, dass die Antwort „gut“ oder zumindest „es geht schon (besser)“ lautet. So kommt es vielen Trauernden jedenfalls vor.

Ein Verlust stellt das Leben auf den Kopf


Wenn ein Mensch stirbt, bricht für die Hinterbliebenen eine Welt zusammen, kein Stein ist mehr auf dem anderen, alles ist anders, neu, unfassbar traurig und überfordernd. Da schwingen so viele Gefühle mit, so viel ist zu erledigen, zu begreifen. Da ist oft viel Wut, Verzweiflung, Angst, Hilflosigkeit. All das, was ein Verlust mit sich bringt, in eine Antwort auf die Frage „wie geht’s Dir?“ zu packen, ist eigentlich kaum möglich.

Was Du stattdessen sagen kannst


Wie kann man sich also stattdessen nach einem Trauernden erkundigen? Es reicht schon, die Frage „wie geht’s Dir?“ um nur ein Wort zu erweitern und zu fragen „Wie geht es Dir HEUTE?“. Dann ist es einfacher, sie zu beantworten. In der Trauer gibt es gute und schlechte Tage. Es macht die Antwort leichter, wenn man als Trauernde*r einfach sagen kann, wie sich der Tag HEUTE anfühlt. Morgen kann es schon wieder ganz anders aussehen. Du zeigst, dass Du das verstehst, wenn Du nur nach HEUTE fragst.


Du kannst auch fragen „wie fühlst Du Dich gerade?“. In der Trauer ändert sich die Stimmung nämlich nicht nur von Tag zu Tag sondern im Zweifel auch von Stunde zu Stunde, von Minute zu Minute. Der eine Moment war ganz okay, erträglich, vielleicht sogar fröhlich. Und im nächsten Moment kommen die Tränen und es geht gar nichts mehr. Außerdem gibt diese Frage die Möglichkeit, Gefühle einmal konkret auszusprechen. Die haben nämlich leider immer noch viel zu wenig Platz in unserer Gesellschaft.

Grundsätzlich gilt: stelle diese Fragen nur, wenn Du Dich wirklich für die Antwort interessierst und Zeit hast, sie Dir anzuhören.

Die Rückkehr in den Job und das „wie geht’s Dir?“


Gerade im Arbeitsumfeld ist es üblich, dass man aus Höflichkeit gefragt wird, wie es einem geht. Kehrt man als Trauernde*r nach dem Verlust an den Arbeitsplatz zurück, ist das oft eine riesige Herausforderung. Und in der Hektik des Berufsalltags ist oft besonders wenig Platz für die ehrliche Antwort auf ein „wie geht’s Dir?“. Bist Du unsicher, was Du zu einem Kollegen oder einer Kollegin sagen sollst, die jemanden verloren hat, reicht oft ein „es tut mir sehr leid, was passiert ist. Es ist schön, Dich wiederzusehen.“ Und wenn Du dann doch die Frage danach stellen möchtest, wie sich Dein Kollege oder Deine Kollegin heute fühlt, nimm Dir Zeit für die Antwort! Stelle die Frage nicht zwischen Tür und Angel. Und: Frage das nur, wenn Du den Schmerz, der Dir da vielleicht entgegenschlägt, auch aushalten und hören magst. Wichtig ist, dass Du Dich authentisch und echt für den Menschen interessierst, der da gerade trauert. Trauernde spüren echte Anteilnahme.

Was Du als Trauernde*r antworten kannst


Als mir die Frage damals gestellt wurde, bin ich irgendwann dann doch dazu übergegangen, ehrlich zu antworten. Ich habe ganz offen gesagt „es geht mir schlecht“. Oder auch „bitte stelle mir diese Frage nicht mehr“ – falls ich das von bestimmten Leuten einfach nicht mehr hören wollte. Oft war das Gespräch dann schnell beendet. Diese Ehrlichkeit aufzubringen, kostete mich Kraft. Erst nach einer bestimmten Zeit war das überhaupt möglich. Ich finde, wir als Trauernde sollten uns auf gar keinen Fall verstellen oder eine Antwort „abliefern“, die unser Gegenüber beruhigt zurücklässt. Das müssen wir nicht, wenn es uns nicht gut geht. Ähnlich handhabe ich es übrigens mittlerweile, wenn es ums Weinen geht. Mehr dazu hier.

Leider hat die Trauer (genauso wie die Gefühle) immer noch keinen Platz in unserer Gesellschaft. Das darf und muss sich ändern.

Und ich bin sicher, dass die Frage nach dem „wie geht’s Dir?“ in den meisten Fällen gut gemeint und ehrlich ist. Gerade deswegen ist es mir wichtig, hier darüber zu schreiben. Denn das, was dahinter steckt, ein ehrliches Interesse, sollte beim Trauernden auch ankommen und nicht wegen einer unglücklich formulierten Frage im Zweifel zu totaler Überforderung führen.

Je mehr wir voneinander erfahren, je mehr wir über Trauer sprechen, desto mehr Verständnis können wir füreinander gewinnen.

Und vielleicht fühlt es sich für Dich als Trauernde*r ja auch komplett anders an. Vielleicht hast Du die Frage schon gestellt bekommen und fandest sie hilfreich. Das zeigt, wie individuell Trauer ist. Dass es überhaupt kein richtig oder falsch gibt. Aber dass es wichtig ist, achtsam miteinander umzugehen.

Erzähl mal: Hast Du die Frage „wie geht’s Dir?“ schon oft in der Trauer gestellt bekommen oder jemandem in Trauer gestellt? Wie war das für Dich? Schreib mir gerne eine Nachricht oder einen Kommentar.  

One Comment

  • Nicole Moro

    Ich höre diese Frage bei der Arbeit nach dem wie es mir geht oft und es ist oft so, dass das Gespräch schnell endet, weil mein Gegenüber mit der Antwort nicht umgehen kann und vielleicht auch möchte. So manch einer fragt gar nicht erst, ich spüre, dass viele nicht mit mir umgehen können und fühle mich dann oft irgendwie allein gelassen. Aber ich versuche nicht zu viel zu erwarten, ziehe mich dann in mich zurück und gehe irgendwie weiter, wobei es wirklich mit allen Emotionen einhergeht, wie in dem Artikel beschrieben ist. Nichts gleicht mehr meinem Leben zuvor und jeder neue Tag ist unendlich schwer, die Trauer kommt und geht in Wellen, von einem Moment auf den Nächsten kann ich ins tiefste Loch fallen, eines was eben noch nicht da war.

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