Trauer

Warum mich meine Trauer wütend macht

Wenn Du selbst gerade trauerst, kennst Du vielleicht das Gefühl von Wut. Ich spürte sie in der letzten Zeit sehr, denn im Moment jährt sich nicht nur der Geburtstag, sondern auch der Todestag meines Papas. Für mich sind diese Tage nicht nur von Traurigkeit geprägt, sondern vor allem von Wut. Wie sie sich äußert, was ich tue, um sie zum Ausdruck zu bringen und was genau mich in der Trauer wütend macht, das erzähle ich Dir in diesem Artikel.

Natürlich habe ich nach nun zwei Jahren begriffen, dass mein Papa tot ist. Er kommt nicht wieder. Punkt. Ich hab ich verloren, und zwar für immer. Das gilt es zu akzeptieren, denkt man vielleicht. Ja, so ist es. Aber genau das macht mich auch wütend. Warum ist er weg? Warum gibt es den Tod? Warum musste ich ihn so früh gehen lassen, während andere Menschen noch 20 Jahre älter werden als er? (was ich ihnen sehr gönne, mein Verlust macht mich trotzdem wütend). Ich war auch wütend auf die Trauer. So sehr ich oft versuche, sie liebevoll anzunehmen, so wütend hat sie mich gemacht. Warum verdammt nochmal muss ich da durch? Warum immer wieder diese Tiefs?

Gefangen in der Wut


In den letzten Tagen, zwischen Geburtstag und Todestag meines Papas, habe ich fast ausschließlich Wut gespürt. Und für mich auch kaum etwas gefunden, was die Wut gemildert hat. Die Akzeptanz, die so notwendig wäre, um sie zu mildern, die konnte ich nicht spüren. Ich drehte mich im Kreis, war gefangen in der Frage nach dem Warum.

Und dann noch: „Gut gemeinte“ Nachrichten


Und weißt Du, was mich dann noch wütender macht? Vermeintlich gut gemeinte Nachrichten. So erreichte einen lieben Menschen aus meiner Familie am Geburtstag meines Papas eine Nachricht mit etwa diesem Inhalt: „Heute ist ja der Geburtstag. Mensch, wieder ein bitterer Tag für Dich. Ich wünsche Dir Kraft.“ Eine vielleicht gut gemeinte Nachricht, ganz bestimmt. Und dennoch macht sie mich wütend, und zwar sehr. Denn schauen wir uns die Worte einmal genauer an, wirken sie wie ein Schlag ins Gesicht, so gut sie auch gemeint sein mögen. „Ein bitterer Tag“ – dankeschön. Das weiß ich selbst. Papa ist nicht mehr da, um seinen Geburtstag mit uns zu feiern. Das ist bitter. Aber warum muss man das nochmal betonen? Das ist vollkommen unnötig. Gewünscht hätten wir uns eine liebevolle Erinnerung, Worte, die meinen Papa, der sehr lebensfroh war und seinen Geburtstag gerne gefeiert hat, beschrieben hätten. Und auch „Ich wünsche Dir Kraft“ ist eine Floskel, die in diesem Fall für mich fehl am Platz war. Es gibt für mich einen kleinen aber feinen Unterschied zwischen „ich schicke Dir Kraft“ und „ich wünsche Dir Kraft“. Denn an einem solchen Tag Kraft aus sich selbst heraus zu holen (wenn man die Kraft also „gewünscht“ bekommt) – das ist schwer. Danke, dass mir das jemand wünscht, aber das geht eben vielleicht gerade nicht. Und löst in mir dann umso mehr Frust aus. Lieber keine Nachricht als so eine Nachricht, habe ich mir gedacht.

Bewertungen sind überflüssig


Wenn Du meinen Text so liest denkst Du vielleicht, puh, da muss man aber sehr vorsichtig sein, was man sagt. Ja, das kann sein. Der Umgang mit Trauernden ist nicht leicht. Der Umgang mit MIR als gerade sehr wütende Trauernde ist es erstrecht nicht, das weiß ich auch. Trotzdem erzähle ich Dir hier davon, damit Du erfährst, was in mir vorgeht bei einer solchen Nachricht. Wenn Du jemanden in Deinem Umfeld hast, der gerade trauert, scheue Dich nicht, ihn zu fragen, was er gerade braucht. Sei einfach da. Ein „ich denke an Dich“, reicht auch schon als Nachricht. Bewertungen, wie schlimm dieser Verlust gerade ist, wie schlimm solche Tage wie ein Geburtstag sind, sind unnötig. Denn das weiß der Trauernde schon selbst.

Wohin mit meiner Wut?


In meinem Alltag habe ich wenig Gelegenheit, meine Wut einfach rauszulassen. Wie schräg wäre es auch, einfach schreiend durch die Gegend zu laufen – aber manchmal wäre mir genau danach! Wut ist in unserer Gesellschaft auch kein wirklich anerkanntes Gefühl. Wer offen sagt, dass er wütend ist, wird oft als „schwach“ bewertet. Als jemand, der keine Kontrolle über sich hat. Aber genau das habe ich gefühlt, ob ich wollte oder nicht. Die Wut hat die Kontrolle über mich gehabt. Es blieb mir nichts anderes, als sie zu fühlen. Schwach ist das aber ganz sicher nicht, denn ich habe selbst gespürt, wie viel Kraft es erfordert hat, diese aufwühlende Zeit auszuhalten.

Rausboxen, rausstampfen, rausbrüllen


Ich habe Dir ja schon davon erzählt, dass ich mit SeelenSport® eine Möglichkeit gefunden habe, meine Trauer auszudrücken. Es gibt auch Übungen, bei denen es um die Wut geht. Darum, sie gezielt rauszulassen. In diesen Tagen habe ich all diese Übungen gemacht, mehrmals, bei lauter Musik, mit verkrampftem Gesicht und Wut überall in meinem Körper. Hier darf ich sein. Hier darf ich um mich treten, in den Boden boxen, rausbrüllen, was mich so hilflos macht. Das tat unheimlich gut. Auch, wenn die Wut danach nicht weg war. Gefühle lassen sich nicht einfach abstellen, aber mit SeelenSport® darf ich sie bewusst wahrnehmen, zum Ausdruck bringen, leben und fühlen. Und das gibt mir sehr viel Erleichterung.

Die schlimmen Tage sind vorbei. Ich habe sie überstanden. Und am Ende kann ich nur sagen, dass ich da durchgekommen bin, indem ich das gemacht habe, was die Trauer so anstrengend macht: Wahrnehmen und aushalten. Aushalten, aushalten, aushalten. Für das nächste Mal gibt mir hoffentlich die Aussicht auf das Kraft, was ich jetzt spüre: dass auch wieder bessere Tage kommen, in denen sich die Wut etwas löst, in denen ein Lächeln und Zuversicht folgen.  

4 Comments

  • Jasmin Belling

    Genau so empfinde ich auch meine Trauer. Mein Mann ist in meinen Armen am 1.6.2017 verstorben er hat geschrien im Todesksmpf ich werde nie wieder ein normales Lebenführen können. Die Trauer frisst meinen Körper und meine Seele auf. Und ich bin eine verbitterte wütende Frau geworden.

    • Sabine

      Liebe Jasmin, danke für Deinen Kommentar. Es tut mir leid, dass Du Deinen Mann verloren hast. Ich wünsche Dir, dass Du nicht alleine durch Deine Trauer gehen musst, sondern Dir Unterstützung suchen kannst. Fühl Dich umarmt.

  • Sylvia Ledetzky

    Liebe Sabine
    Das mit Deinem Papa tut mir so leid!
    Ja, wenn liebe Menschen plötzlich nicht mehr da sind ist das sehr schwer!
    Ich bewerte Dich nicht als schwach,Du bist eine starke Frau!Du hast ganz viel ausgehalten, und wirst die Kraft auf bessere Tage sicher bald spüren! Das wünsche ich dir von ganzem Herzen!
    Sei ganz lieb gegrüßt und fühl Dich umarmt! Bis bald Sylvia

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