Bewegung

Wie ich meine Trauer in Bewegung brachte

Ein Mensch, der beide Hände auf dem Bauch verschränkt und dabei eine Blume in der Hand hält
Wie ich meine Trauer in Bewegung brachte

Nachdem mein Papa gestorben war, war ich wie gelähmt. Herausgerissen aus meinem Alltag, aus dem Leben, meinen Gewohnheiten, meinem gesunden Umgang mit mir selbst. Meine Seele kam nicht nach damit, zu verarbeiten, was da passiert sein sollte. Die Welt da draußen drehte sich unaufhörlich weiter, während meine Zeit stillzustehen schien. Wie ich aus diesem Kreislauf herausgekommen bin und meine Trauer nach und nach sprichwörtlich „in Bewegung brachte“, erzähle ich Dir in diesem Beitrag.

Die Trauer um meinen Papa bedeutete für mich, dass auch mehrere Wochen nach seinem Tod nicht nur mein Hals wie zugeschnürt war und ich nichts mehr essen konnte, sondern auch, dass ich mir nicht erlaubt habe, so etwas wie zarte „Normalität“ zu leben. Immer dachte ich „ich kann doch nicht … essen, schlafen, lächeln, zur Arbeit gehen, normale Gespräche führen, gut zu mir sein … während mein Papa doch gestorben ist.“ Ich war gefangen in einer Spirale von Schmerz und Ohnmacht, in der es nur die Trauer gab.

Entweder Trauer oder Leben!


Trauer zu leben ist wichtig. Trauer sucht sich ihre Aufmerksamkeit, ob man will oder nicht. Und Trauer darf auch zugelassen werden. Aber ausschließlich, jeden Tag, rund um die Uhr nur Trauer leben – das hält kein Mensch aus. Nicht umsonst kommt Trauer immer in Wellen. Einfach, weil unsere Seele sie auf einmal und in geballter Form gar nicht ertragen kann. Ich habe mich einerseits nach so etwas wie Normalität gesehnt. Nach einem Lächeln, nach normalen Gesprächen mit meinen Liebsten, nach einem Hauch von aktiv sein in all der Lethargie. Aber ich habe es mir verboten. Falsch hat es sich für mich angefühlt, jetzt „normal“ weiterleben zu wollen. Für mich gab es nur ein „entweder oder“. Entweder leben, oder Trauer.

Ich war total überfordert in dieser Zeit und habe es wie als einen Verrat an meinem Papa und meiner Trauer empfunden, hätte ich „normal“ weitergelebt. Abgesehen davon war ich körperlich so geschwächt, dass ich bei jeder Kleinigkeit krank wurde, mir schwindelig war und ich mich sehr unwohl in meiner Haut gefühlt habe.

Bewegung in der Trauer – fast schon ZU naheliegend?


Schon seit einiger Zeit verfolgte ich bei Instagram Katrin Biber, die SeelenSport® gegründet hat. Sie selbst hat ihre Schwester auf tragische Weise verloren und aus dem Schmerz und der Trauer ein einzigartiges Konzept entwickelt, mit dem sie anderen Trauernden hilft. Zu Beginn, als ich nur ganz oberflächlich von ihrem Konzept wusste, das sich um Trauer und Bewegung drehte, lag mir ehrlich gesagt nichts ferner, als das einmal auszuprobieren. Viel zu naheliegend klang es für mich, sich in der Trauer „mal zu bewegen“. „Mach mal einen Spaziergang“ hatte ich oft als Ratschlag gehört. Ja, das tat mir auch gut, aber trotzdem dachte ich puh… meine Probleme liegen tiefer, als dass sie ein Spaziergang lösen könnte. Mein sonst so offener Blick auf Neues war versperrt, ich hatte gar nicht die Kraft, mich näher und tiefer mit Dingen zu beschäftigen.

Ich habe damals noch nicht geahnt, wie genau Katy nachfühlen kann, dass es mit einem Spaziergang natürlich nicht getan ist. Wie tiefgreifend dieses Konzept SeelenSport® mein Leben verändert hat und noch weiter verändern wird.

Ich wollte mich auspowern, aber ein Fitnessstudio war für mich undenkbar


Irgendwann war ich dann doch an einem Punkt, an dem ich spürte, dass ich etwas tun will. Dass ich raus will aus dieser Lethargie. Dass ich mich wieder spüren will, diese Taubheit und Leere, die mich tagtäglich begleiteten, waren für mich kaum noch auszuhalten. Ich wollte mich bewegen, Gefühle rauslassen, mich auspowern, abends müde sein, um wieder schlafen zu können. Allerdings lag mir nichts ferner, als in ein Fitnesstudio zu gehen. Laute Musik? Nein danke. Andere Menschen? Konnte ich nicht gebrauchen. Oft noch brach ich einfach unvermittelt in Tränen aus, wie sah das denn bitte aus in einem Fitnessstudio? Beim Gedanken daran wurde mir schon ganz schlecht. Ich suchte einen geschützten Raum, in dem meine Trauer einfach sein durfte. In dem ich nicht verurteilt wurde für meine Tränen, meine Schwäche, dafür, dass ich die Erlebnisse rund um den Tod meines Papas immer und immer wieder erzählte.

Also nahm ich über Instagram Kontakt zu Katy auf. Sie lebt viele hundert Kilometer von mir entfernt, in Österreich. Und dennoch haben wir zueinander gefunden. Nach einem ersten Gespräch, in dem Katy sich einfühlsam und mit viel Verständnis Zeit für mich genommen hat, haben wir vereinbart, einmal in der Woche über Skype zu trainieren. Es einfach einmal auszuprobieren. Ohne Zwang, ohne Verpflichtung.

Und tatsächlich reichte in unseren Trainingsstunden oft schon die Frage von Katy danach, wie es mir heute geht, und ich brach in Tränen aus. Anfangs war ich angespannt, denn ich wusste, wenn wir trainieren, geht es um meine Trauer. Was ich mir einerseits so sehr wünschte, machte mir andererseits Angst. Denn die Auseinandersetzung mit der Trauer bedeutet eben auch Schmerz. Nach und nach habe ich unsere gemeinsamen Stunden aber immer mehr als einen Zufluchtsort empfunden. Vor der Welt da draußen, die nach einigen Wochen schon nicht mehr verstehen konnte, warum ich denn immer noch so traurig bin. Hier durfte ich so sein, wie ich mich eben gerade fühlte.

Ein Lachen voller Schmerz


Und dann erlebte ich gar nicht so lange nach unserem gemeinsamen Start eine der wichtigsten Schlüsselsituationen in meiner Trauer. Bei der Übung „der Sextant“ sollte ich mich flach auf den Rücken legen und mir vorstellen, dass über meinem Gesicht ein Seil aus dem Himmel kommt. Als Verbindung zu meinem Papa. An diesem Seil sollte ich mich „hochziehen“ in eine sitzende Position. Das geht natürlich ordentlich auf die Bauchmuskeln.

Immer wieder machten wir diese Übung, immer wieder zog ich mich hoch. Weil ich vorher wenig Sport gemacht hatte, spürte ich das Training am nächsten Tag schmerzlich – ich hatte Bauchmuskelkater. Mein Mann und ich standen in der Küche und er machte unvermittelt im Gespräch einen Scherz und ich musste lachen. Während ich lachte, spürte ich deutlich den Schmerz in meinem Bauch. Und hielt inne. Erkannte und begriff plötzlich: Beides darf sein. Der Schmerz UND das Lachen. Der Schmerz wird mein Begleiter sein für die nächsten Tage, Wochen, Monate, vielleicht für immer. Aber trotzdem kann ich lachen. Deswegen drücke ich den Schmerz nicht weg oder verleugne ihn, sondern er ist genauso da wie das Lachen in diesem Moment. Für mich war das eine der wichtigsten Erkenntnisse in meiner Trauer. Und so bin ich zum SeelenSport® gekommen und habe es geschafft, meine Trauer ein klein wenig „in Bewegung zu bringen“. Dieser Teil meines Lebens ist nicht mehr wegzudenken. Im nächsten Beitrag erzähle ich Dir mehr davon, wie dieses Bewegungskonzept Einfluss auf meinen Alltag genommen hat, auch über die Trauer hinaus.



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