Trauer

Wann wirst Du eigentlich wieder wie früher?



Vielleicht kennst Du diese Frage. Vielleicht wurde sie Dir von anderen Menschen nach Deinem Verlust schon einmal gestellt – vielleicht hast Du sie Dir aber auch selbst gestellt, und das nicht nur einmal? So ging es mir. In diesem Artikel erzähle ich Dir davon, welch große Veränderung die Trauer für uns oft mit sich bringt. Und welche Antwort ich auf diese Frage für mich gefunden habe.

Der Tod meines Papas hat mich verändert, ziemlich grundlegend sogar. Zu Beginn der Trauer kannte ich mich selbst nicht mehr. Ich war gelähmt, betäubt, unfassbar traurig, wütend, dünnhäutig, teilnahmslos, verzweifelt, hoffnungslos und labil. All das ist in der Trauer ja ganz normal und gleichzeitig so schwer auszuhalten. Der Verlust eines geliebten Menschen stellt unser Leben auf den Kopf. Alles bricht erst einmal zusammen. Alle Hoffnungen, Träume, Pläne – es gibt sie nicht mehr. Wir müssen uns in dieser Welt grundlegend neu zurechtfinden.

Wer bin ich – ohne Dich?


Auch wenn ich erwachsen bin, mein Papa und ich weit auseinander gewohnt haben und wir unseren Alltag nicht miteinander teilten, so war er aber trotzdem da. In meinem Bewusstsein, ich konnte ihn anrufen, mit ihm sprechen. Zuletzt hat die Sorge um ihn meinen Alltag bestimmt. Und auf einmal ist dieser Mensch weg. Oft habe ich mir die Frage gestellt: „Wer bin ich – ohne Dich?“. Halbwaise? Ja, Halbwaise. Und welcher Mensch bin ich? Es fühlte sich für mich an, als müsste ich plötzlich nochmal ein Stück mehr erwachsen werden, obwohl ich schon lange auf eigenen Beinen stand. Auch Menschen, die ihren Partner verlieren, erleben oft einen tiefgreifenden Einschnitt in ihr Leben. Mit dem Menschen, den man liebt, ist auch der gemeinsame Alltag weg. Vielleicht auch eine Aufgabe, wenn dem Verlust eine lange Krankheitsgeschichte, eine Pflege daheim, regelmäßige Besuche im Krankenhaus vorausgegangen sind. Alles muss sich neu sortieren.


Überfordert mit meinen Gefühlen


Ich war selbst sehr überfordert mit meinen Gefühlen nach dem Tod meines Papas. Ich wusste nicht wohin mit meiner Traurigkeit, meiner Verzweiflung, meiner Wut. Das bestimmte natürlich auch meinen Alltag und mein Verhalten anderen Menschen gegenüber. Wie sollte ich mich nach außen „normal“ verhalten, wenn doch in mir alles total chaotisch war? Ich zog mich von Freunden zurück, im Job war ich nicht mehr die Gleiche wie zuvor. Und das zog sich ziemlich lange hin. Denn Trauer ist eben kein Schnupfen, der bald wieder vorübergeht.


Der Druck von Außen stieg


Je länger der Verlust meines Papas zurücklag, desto mehr Druck spürte ich. Druck, den ich mir selbst machte, weil ich mich fragte, wann die Trauer eigentlich endlich „besser“ wird. Aber auch Druck von außen. Von vermeintlichen Freunden, die mir gut gemeinte Ratschläge gaben. Mir sagten, ich müsse doch einmal wieder Freude empfinden. Nichts lag mir ferner! Freude? Was sollte das sein?? Aus meinem Umfeld kamen Bemerkungen wie „Du bist einfach nicht mehr die Gleiche wie früher. Du warst so unbeschwert, so offen.“ Unbeschwertheit. Offenheit. Das hörte sich für mich an wie Fremdwörter aus einer anderen Welt. Sorry, damit konnte ich nicht dienen. Das war mir nicht möglich.


Seht Ihr meine Trauer nicht?


Manchmal habe ich mir gewünscht, Trauer wäre tatsächlich sichtbar. Denn zu den Nachfragen, wann ich denn wieder so werden würde wie früher, paarte sich die Ignoranz. Die Sprachlosigkeit. Kaum jemand fragte mehr nach, wie es mir mit meiner Trauer eigentlich ging. Manchmal wünschte ich mir, Trauer wäre wie ein gebrochener Arm. Da trägt man einen Gips. Klar sichtbar für alle. Kollegen, die man auf dem Flur trifft, fragen vielleicht „na, wie geht es denn?“. Aber Trauer ist kein gebrochener Arm, sichtbar durch einen Gips. Trauer ist unsichtbar. Und trotzdem so viel länger da.


Trauer darf sein


Lange habe ich mir die Aufmerksamkeit von anderen gewünscht. Habe mir gewünscht, verstanden zu werden. Das ist natürlich heute noch so. Aber ich habe nach und nach verstanden, dass nicht alle gut mit Trauer umgehen können. Viele sind überfordert. Vor allem überfordert mit dem langen Atem, den die Trauer braucht. Ich verstehe das sogar, denn der Umgang mit Sterben und Tod ist in unserer Gesellschaft immer noch schwierig – allzu schnell sollte man doch zurückfinden zur Normalität. Wieder funktionieren. Wieder nach vorne schauen. Das bekommen wir eingetrichtert. Und so verhalten wir uns dann. Ich habe für mich die Entscheidung getroffen, mir mehr Achtsamkeit zu schenken. So lange ICH in der Lage bin, meine Trauer als eine lebenslange Begleiterin anzunehmen, so lange kann ich mir auch Traurigkeit, Wut und viele andere Gefühle zugestehen. Auch Jahre nach dem Tod meines Papas.


Wann werde ich also wieder wie früher?


Und wenn mir heute nochmal jemand die Frage stellt, wann ich denn wieder so werde wie früher, antworte ich kurz und knapp „gar nicht“. Und kann das für mich gut akzeptieren. Papa bleibt tot. Und sein Tod hat mich verändert. Und das ist gut so, denn ich habe viele neue Dinge gelernt, bin achtsamer geworden und habe Talente in mir entdeckt, die ich vorher nie für möglich gehalten habe. Ich werde nicht mehr der Mensch, der ich vor seinem Tod war.


Ich möchte Dir Mut machen, Deine Trauer anzuerkennen. Sie als Teil von Dir zu akzeptieren. Du hast einen geliebten Menschen verloren. Das ist ein grundlegender Einschnitt ins Leben. Spüre hinein in all die Gefühle, die kommen. Hole Dir Unterstützung. Du bist nicht allein mit diesen Gefühlen. Sei gut zu Dir, Du bist es wert.

One Comment

  • Monika

    Hi Sabine! Wieder einmal hast du mir aus der Seele gesprochen, und ich kann alles voll und ganz bestätigen, was du schreibst. Bei mir ist es erst 13 Monate her, dass ich meinen geliebten Papa verloren habe. Aber mein Leben hat sich grundlegend geändert….nichts ist mehr wie es war. Aber du hast recht, was das Thema Achtsamkeit betrifft – daran arbeite ich noch intensiv!
    Also danke für deine tollen Beiträge und weiterhin alles Liebe und Gute. Und: bleib gesund!!

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