Trauer

Trauer um ein Sternenkind

Sternenkindmama und Autorin Sandra Wagner
Foto: Michaela Mogath

Den Verlust eines Elternteils habe ich selbst erlebt. Hier kann ich ansatzweise „mitreden“. Auch, wenn bei anderen Menschen die Trauer um Mama oder Papa natürlich auch komplett anders aussehen kann als bei mir. Wie aber fühlt es sich an, ein Kind zu verlieren?

Weil ich selbst keine Kinder habe, kann ich das nicht nachfühlen. Nie würde ich zu einer Sternenkind-Mama sagen „ich verstehe Dich“, denn das kann ich nicht. Das wäre übergriffig und falsch. Trotzdem finde ich das Thema unglaublich wichtig. Kinder sterben und die Eltern müssen mit dem Verlust irgendwie umgehen lernen. Oft wird auch hier von der Gesellschaft geschwiegen und das will ich verändern. Deswegen möchte ich diese Form der Trauer hier thematisieren und bin dankbar, einer Sternenkindmama dazu Fragen stellen zu dürfen.

Sandra Wagner hat ihre Zwillinge Romy und Lenny im 6. Schwangerschaftsmonat verloren. Gewachsen an ihrer Trauer und den schlimmen Erlebnissen hilft sie nun anderen Sternenkindeltern und hat das Buch „Wenn aus Trauer Liebe wird“ über ihre Erlebnisse geschrieben. Schon allein die Leseprobe auf ihrer Homepage hat bei mir Gänsehaut verursacht.

Liebe Sandra, schön, dass Du mir für ein paar Fragen für meinen Blog zur Verfügung stehst. Welche Reaktionen hast du von anderen Menschen nach Eurem Verlust erlebt? Wie sind andere mit Dir umgegangen?


Die Reaktionen waren ganz unterschiedlich. Viele Menschen aus unserem direkten Umfeld waren schockiert und mit uns traurig. Als das Schicksal um den Tod unserer beiden Kinder die Runde machte, erhielten wir viele Nachrichten, SMS, Beileidskarten oder auch Briefe von Freunden und Bekannten, was uns in unserem größten Schmerz kurz nach der Geburt unserer Sternenkinder ein wenig trösten konnte. Doch leider hatte ich das Gefühl, dass sich die meisten Menschen im Laufe der Zeit immer weiter von uns als trauernde Eltern entfernten. Für sie ging das „normale Leben“ natürlich schnell wieder weiter – für meinen Mann und mich war aber ab diesem Zeitpunkt nichts mehr „normal“ und ich hatte sehr große Schwierigkeiten damit, dem Tempo der Welt standzuhalten. Ich fragte mich immer nur, wie sich die Welt überhaupt weiterdrehen könnte, wo sie für uns doch einfach so abrupt stehengeblieben war.

Und so zog ich mich zurück, eigentlich von fast all meinen Freunden, weil ich das Gefühl hatte, dass mich eh niemand verstehen könnte. Ich wollte am liebsten alleine sein, um einen Weg zu finden, das Geschehene zu verkraften und irgendwie annehmen zu lernen. Einige wenige Menschen ließen sich von meiner großen Trauer aber nicht abschrecken und zeigten mir immer wieder durch stille Gesten, dass sie in Gedanken bei uns und unseren Babys sind, auch wenn ich sie im Moment nicht an mich heranlassen konnte. Das geschah dann z. B. durch Kerzen oder Engelsfiguren am Gärtchen von Romy und Lenny (ihrem Grab), oder durch liebe Emails und Postkarten. Für mich waren diese Zeichen des „An uns Denken“-s eine sehr große Stütze, denn sie zeigten mir, dass wir nicht alleine sind, auch wenn wir uns nach dem Tod unserer Zwillinge in der allermeisten Zeit so fühlten…


Oft sind wir ja unsicher im Umgang mit trauernden Menschen. Was würdest Du Angehörigen, Freunden oder Kollegen im Umgang mit Sternenkindeltern raten? Was ist hilfreich, und was so überhaupt nicht?


Aus Angst, etwas falsch machen zu können oder etwas zu sagen, das uns in unserer Trauer noch mehr verletzen könnte, sagten manche Menschen lieber gar nichts zu uns. Das hat mir am allermeisten weh getan. Wenn Menschen aus Unsicherheit die Straße wechselten oder verlegen über das Wetter sprachen, wenn wir uns zufällig auf dem Weg zum Friedhof begegneten. Das war für mich sehr verletzend. Daher scheute ich den Kontakt zu anderen Menschen in der ersten Zeit meiner Trauer, weil ich Angst davor hatte, dass die Leute meine Babys nicht beachten und meinen Schmerz einfach übergehen könnten. Ich hatte Angst vor „belanglosen Gesprächen“ und in manchen Augenblicken machten sie mich sogar richtig wütend. Heute weiß ich, dass es für mein Umfeld sehr schwierig gewesen ist, mir als trauernde Mutter zu begegnen.

Es gab Zeiten, da hat ein freundlich gemeintes „Wie geht es dir?“ einen Heulkrampf bei mir ausgelöst. Denn wie sollte es mir nach dem Tod meiner beiden Kinder schon gehen? Rückblickend gesehen waren es für mich die stillen Umarmungen, das Hand-auf-die-Schulter-legen, wenn ich am Grab saß, das Immer-wieder-zuhören, auch wenn ich 24 Stunden am Tag von nichts anderem erzählen konnte als von meinen Babys, und das Mit-mir-Weinen, das mir in der ersten Zeit meiner Trauer am meisten helfen konnte. Für mich persönlich waren diese wortlosen Gesten am wichtigsten, weil sie mir das Gefühl gaben, angenommen zu werden und richtig zu sein, in einer Zeit, in der alles „verrückt“ war.

Was hat Dir in Deiner Trauer am meisten Kraft gegeben?


Die Stille. Ich habe mich nach dem Tod von Romy und Lenny bewusst aus dem Leben „da draußen“ zurückgezogen. Ich fand Gefallen an diesem Allein-Sein, denn in dieser Stille fand ich nicht nur zu mir selbst, sondern auch zu meinen beiden Engeln. Ich las Bücher von anderen trauernden Eltern, Erfahrungsberichte über Nahtoderfahrungen, Bücher über Jenseitskontakte und dem Leben nach dem Tod. Ich sprach mit Geistlichen, mit Seelsorgern, besuchte regelmäßig eine Trauerbegleiterin, verbrachte täglich mehrere Stunden im Freien bei Spaziergängen, ich besuchte immer wieder das Gärtchen meiner Kinder, saß Stunden um Stunden davor, dachte nach, weinte, meditierte, ich schrieb unheimlich viel und fand durch das Schreiben ein Ventil, das meiner Seele Luft verschaffte, ich entdeckte ein Sternenkinderforum im Internet und vernetzte mich mit anderen trauernden Eltern und das Schreiben in dieser Gruppe mit Menschen, die meinen Schmerz so gut nachvollziehen konnten, erleichterte mich in meiner Trauer.

Ich suchte immer wieder bewusst die Stille und rannte in keiner Sekunde vor meiner Trauer davon. Manche Menschen meinten es gut mit mir und gaben mir den Rat, mich „irgendwie abzulenken“. Doch für mich wäre es gerade die Ablenkung gewesen, die mir noch mehr Kraft gekostet hätte. Ich wollte mich nicht ablenken, denn genau in dieser Stille fühlte ich mich meinen Kindern am nächsten. Und nach und nach fand ich dadurch zu einem ganz kleinen inneren Frieden, und das Gefühl in mir wurde immer stärker, dass es Romy und Lenny gut geht, dort wo sie jetzt sind…

Jede Form der Trauer ist anders, sehr individuell. Was ist aus Deiner Sicht das Besondere an der Trauer um ein Sternenkind?


Ja, ich denke auch, dass Trauer etwas sehr Ureigenes ist und dass jeder Mensch diese Trauer anders empfindet. Die Trauer um ein Kind, das nie dagewesen ist (zumindest nicht für Andere), ist insofern etwas Besonderes, da ihr nur so viel Platz eingeräumt wird, wie der Trauernde dafür zu kämpfen bereit ist. Wenn ein geliebter Mensch stirbt, der bereits seit vielen Jahren Teil der Gemeinschaft war und eine sichtbare Lücke hinterlässt, dann trauert auch die Gemeinschaft um ihn. Und die nahestehenden Angehörigen des Verstorbenen erfahren in dieser kollektiven Trauer Trost und Anteilnahme. Wenn aber ein Kind stirbt, das bisher nur im Bauch der Mutter gelebt hat und das für das Außen nur in Form eines runden Bauches sichtbar war, dann ändert sich für das Umfeld leider oft nur das Aussehen jener Mutter.

Schwieriger wird es noch, wenn das Baby in einer frühen Schwangerschaftswoche verstirbt und die Mama noch keinen sichtbaren Babybauch vorweisen konnte, um all ihr Glück strahlend der Welt zu präsentieren. Für die Eltern bricht mit dem Tod des Kindes eine Welt zusammen, da sie sich auf das Leben vorbereitet haben und nun den Tod erfahren mussten. Zukunftsträume zerplatzen. Von der größten Freude, dem Glück Eltern zu werden, in das dunkelste Loch, nämlich dem Tod des geliebten Kindes. Sterneneltern fühlen sich in ihrer großen Trauer häufig vom Umfeld nicht gesehen oder gar als trauernde „Eltern“ wahrgenommen. Für sie soll es häufig so schnell es geht wieder zur Tagesordnung übergehen, Mütter sollen gleich wieder arbeiten, nach den Vätern wird oft schon gar nicht gefragt… Das ist eine zusätzliche Belastung für die Sterneneltern. Deswegen müssen sie in all ihrem Schmerz häufig auch noch um ihren Platz in der Gesellschaft als trauernde, verwaiste Eltern kämpfen.

Du hast ein Buch über Deine Geschichte geschrieben. Wie kam es dazu?


Ich habe die Trauer um meine beiden Kinder von Anfang an sehr bewusst durchlebt. Es war mein Weg, um mit diesem Schicksal umgehen zu lernen und es als Teil meines Lebens akzeptieren zu können. Mein Trauerweg war, rückblickend gesehen, die prägendste und auch reichste Zeit meines Lebens. Ich habe mich in all meine Gefühle fallen lassen und lernte mich dadurch ganz neu kennen. Ich habe mich getraut, „verrückt“ zu sein, denn meine Trauer hat alles in meinem Leben verrückt. Prioritäten, Weltanschauungen, Glaubenssätze…

Ich bin stärker geworden und sehe viele Dinge nun mit ganz anderen Augen. Meine Kinder begleiteten mich auf diesem Weg, vom ersten Schritt an. Und je mehr ich mir ihrem ganz besonderen Dasein sicher war, desto mehr Antworten und Zeichen schickte mir der Himmel, um meinen Weg immer weiter zu gehen. Der Wunsch, ein Buch über meine intensiven und heilsamen Erfahrungen zu schreiben, entstand bereits wenige Monate nach dem Tod meiner Kinder. Es waren so viele Dinge geschehen, die ich als Wunder betitle und die ich mit anderen Trauernden teilen wollte. Und dieser Wunsch begleitete mich lange Jahre. Bis eines Tages der richtige Zeitpunkt dazu da war und ich einfach mit dem Schreiben begonnen habe… „Wenn aus Trauer Liebe wird“ ist mein Herzenswerk und es macht mich sehr glücklich, dass ich schon vielen Menschen damit eine kleine Stütze auf ihrem ganz ureigenen Weg der Trauer sein konnte.

Gibt es Anlaufstellen für Sternenkindeltern, wenn sie Hilfe brauchen? Was kannst Du hier empfehlen?


Es gibt heute glücklicherweise viele Anlaufstellen und Hilfsangebote für Sterneneltern. In einigen Städten gibt es Sternenkinder-Selbsthilfegruppen, so wie auch die Gruppe Sternenkinder Coburg, die ich vor knapp 10 Jahren gegründet habe und die heute noch existiert. In Bamberg wurde das Sternenkinderzentrum Bayern gegründet, das Begleitung und Beratung von Sterneneltern anbietet und verschiedene Sternenkinder-Organisationen miteinander vernetzt. Dort habe ich kürzlich meine Ausbildung zur Familientrauerbegleiterin bei Helga Schmidtke abgeschlossen und ich freue mich darauf, bald selbst im Sternenkinderzentrum Bayern in der Begleitung von Sternenkinderfamilien tätig sein zu dürfen.


Weitere Anlaufstellen sind:

http://initiative-regenbogen.de/

http://www.schmetterlingskinder.de/

www.verwaiste-eltern.de

Falls Du selbst betroffen bist und weitere Anlaufstellen kennst, poste sie gerne in die Kommentare.

Falls Du mehr über Sandra erfahren willst, kommst Du hier zu ihrer Website. Du kannst auch direkt bei ihr ihr Buch „Wenn aus Trauer Liebe wird“ bestellen – sogar mit einer persönlichen Widmung.

Danke liebe Sandra, für Deine Zeit!

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