Trauer

Unvermittelter Schmerz – über Trigger in der Trauer

Foto: Naike Schomberg

Heute ist Vatertag. Ein Tag, mit dem ich eigentlich nicht mehr konfrontiert werden möchte, denn mein Papa ist tot. Warum dieser Tag in mir so viel auslöst und wie man mit Triggern – also Auslösern – in der Trauer umgehen kann, erzähle ich Dir in diesem Artikel.


Ich komme einfach nicht daran vorbei: Überall im Internet Werbebanner, Artikel, Postings zum Vatertag. Teilweise lustig, teilweise berührend. Für mich immer: ein Trigger, also ein Auslöser für meine Trauer. Ich will davon eigentlich nichts hören, denn es macht mir umso bewusster, dass mein Papa nicht mehr da ist. Keine Whatsapp mit einem lieben Gruß an ihn. Kein Anruf. Kein Besuch. Kein gemeinsamer Tag.

Als kürzlich Muttertag war, ging das vielen Trauernden ähnlich, die ihre Mama verloren haben. Beim Muttertag ist es ja fast noch heftiger: Alle Blumenläden und Supermärkte sind voll davon, man kommt erstrecht nicht an der laut schreienden Information „HALLO! Es ist MUTTERTAG“ vorbei. Als Trauernde/r darf man dann getrost selbst ergänzen „Mama ist aber leider tot“. Egal, ob man sich gerade mit dem Verlust konfrontieren möchte oder nicht, er ist präsent, oft sehr schmerzhaft.

Unvorbereitet getroffen


In der Trauer sind Trigger (also Auslöser) ein großes Thema. Sie kommen oft, ohne, dass wir sie steuern können. Ich weiß noch genau, an welchem Ort das Telefonat mit der Klinik stattfand, in der mein Papa damals behandelt wurde. Ich war damals in der Firma. Ich erfuhr, wie ernst es um ihn stand. Und realisierte in diesem Moment: Er wird nicht mehr lange leben. Am Anfang habe ich diesen Ort gemieden, wann immer ich konnte. Mit der Zeit wurde es besser, daran vorbeizulaufen. Irgendwann war es okay für mich. Aber an einem Tag, als ich daran vorbeilief, löste dieser Ort eine riesige Trauerwelle in mir aus. Hier habe ich gestanden, als alles begann, dachte ich mir. All die Gefühle waren zurück, wie aus dem Nichts. Ich konnte es nicht steuern. Mir blieb der Atem weg und ich konnte nicht mehr aufhören zu weinen. Eigentlich war ich auf dem Weg zu seiner Sitzung, die ich hätte leiten müssen – erstmal landete ich aber auf dem Klo und musste mich ausheulen.


Trigger kommen wie aus heiterem Himmel. Und sind, weil wir kaum darauf vorbereitet sind, oft umso schmerzhafter. Ich habe für mich gelernt: in diesen Momenten sucht sich der Schmerz seine Aufmerksamkeit, will gefühlt und durchlebt werden. Trauer ist nicht steuerbar. Sie kommt und geht, in Wellen. Und manchmal eben komplett aus dem gefühlten Nichts. Als ich gelernt habe, das für mich anzunehmen, den Schmerz bewusst zu fühlen – so schlimm das auch ist – geht es mir ein klein wenig besser damit. Ich akzeptiere diese Gefühle. Denn sie zeigen mir, was eben Realität ist: Ich habe einen geliebten Menschen verloren und das will betrauert werden.

Sprich über Deinen Schmerz!


Oft passiert es auch, dass wir in der Trauer von anderen Menschen getriggert werden. Sie sagen Dinge, und das oft ganz unbewusst, die uns verletzen. Die uns erinnern an schlimme Tage in unserer Trauer. Die uns unseren Verlust nur allzu bewusst, greifbar und schmerzhaft realistisch machen. Was genau die Auslöser sind, ist bei jedem Menschen ganz unterschiedlich. Sollte Dir es einmal passieren, dass Du Dich in Deiner Trauer von etwas angetriggert fühlst, versuche, es ganz bewusst wahrzunehmen. Den Schmerz zu fühlen. Hinzuspüren, was genau ihn ausgelöst hat. Wenn ein Mensch mit seinen Worten diesen Schmerz ausgelöst hat, dann habe den Mut, Deinem Gegenüber das zu sagen. Und sei es noch so banal, was gesagt wurde, das ist egal. Verstecke Dich, wo immer es möglich ist, mit Deiner Trauer nicht. Sage Freunden oder Bekannten, der lustigen Runde, in der für Dich unpassende Worte gefallen sind, was das in der ausgelöst hat. Komm Dir nicht wie ein „Spielverderber“ vor, weil Du die Laune der Runde eintrübst. Deine Laune ist in solchen Momenten ja auch eingetrübt, Du trauerst, hast einen Menschen verloren, der in Deinem Leben wichtig war. Das darfst Du zeigen, zum Ausdruck bringen und Deine Grenzen dabei setzen. Wir können die Kommunikation für und mit trauernden Menschen nur verbessern, wenn wir sagen, was gerade in uns los ist. Nur so kann unser Gegenüber auch ein Gespür dafür gewinnen, was genau in uns Schmerz auslöst.

Trigger sind oft nicht vorhersehbar


Ein Hinweis auf den Muttertag oder Vatertag bei einem Menschen, der einen Elternteil verloren hat, liegt als Trigger natürlich ziemlich nahe. Aber oft sind es Worte und Dinge, die man nicht vorhersehen kann, die den Schmerz auslösen. Da kann es schon reichen, dass in einem Gespräch zufällig der Lieblingsurlaubsort des Verstorbenen erwähnt wird. Die Lieblingsblume. Die liebste Fernsehsendung. Im Umgang mit Trauernden sensibel zu sein ist natürlich die Basis. Ich will nur Dir als jemandem, der vielleicht mit trauernden Menschen zu tun hat und manchmal unsicher ist, sagen, Du kannst nicht jeden Trigger vorhersehen. Das geht gar nicht. Versuche, so sensibel wie möglich zu sein. Und sei nicht böse, wenn der Trauernde Dir klar sagt, dass Du gerade mit Deiner Aussage Schmerz in ihm oder ihr ausgelöst hast. Trauer ist schmerzhaft. Der Verlust eines geliebten Menschen tut einfach verdammt weh. Das können wir nicht wegreden sondern wir können nur nach und nach versuchen, damit leben zu lernen.

So geht es mir mit dem Vatertag auch. Neben all der Wut und Traurigkeit, die ich spüre, spüre ich von Jahr zu Jahr neben der Trauer auch immer mehr Dankbarkeit. Dafür, dass ich diesen starken Papa hatte. Dass wir Zeit zusammen verbringen konnten. Diese Zeit, die wir zusammen haben, kann mir nichts und niemand mehr nehmen. Auch nicht der Tod. So lächle ich heute in den strahlend blauen Himmel und schicke meinem Papa einen kleinen Gruß nach oben. Traurig und dankbar zugleich.

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