Hospizarbeit

Was ist eigentlich ein Hospiz?…


… und kann es dort auch schön sein? Bevor ich mich intensiv mit dem Sterben auseinandergesetzt habe, hatte ich ein ziemlich diffuses Bild von einem Hospiz. Dort geht man hin, um zu sterben. Punkt. Und dann waren da in meinem Kopf noch ein paar andere Schlagworte, die ich aufgeschnappt oder mir selbst irgendwie zusammengereimt hatte. Krebs im Endstadium. Endstation. Abstellgleis. Sterbehaus. Trostlosigkeit. Traurigkeit. Hoffnungslosigkeit. Dort eine schöne Zeit verbringen? War für mich nicht wirklich vorstellbar. Nun werde ich bald selbst in einem Hospiz arbeiten und Menschen beim Sterben begleiten. Welche dieser Stichworte haben sich für mich bewahrheitet? Und was passiert in einem Hospiz eigentlich wirklich? Davon erzähle ich Dir in diesem Beitrag.


Laut Definition bei Wikipedia ist ein Hospiz eine „Einrichtung der Sterbebegleitung, die meist über nur wenige Betten verfügt und ähnlich wie ein kleines Pflegeheim organisiert ist“. So in etwa war mir das auch klar. Wie dort gearbeitet wird, welche Bedeutung die Menschen dort haben und wie ein Hospiz genau aufgebaut ist, wusste ich allerdings nicht. Ich habe es mir jedenfalls immer wie eine Mischung aus Krankenhaus und Pflegeheim vorgestellt. Mit kahlen Wänden, Krankenhausatmosphäre, Desinfektionsgeruch und einer bedrückenden Stimmung. Als ich das Hospiz Lebensbrücke in Flörsheim zum ersten Mal besuchte, war ich überrascht. Die Wände dort sind bunt, die Farben warm. Es hängen Bilder an der Wand. Die Türen stehen offen. Und manchmal zieht ein ganz wundervoller Duft nach frisch Gekochtem durch die Flure, auch, wenn die Menschen hier vielleicht nicht mehr essen können. Mehr dazu kannst Du in meinem Beitrag über Ernährung am Lebensende lesen. Die Stimmung kam mir fast heimelig vor, was mich wirklich überrascht hat.

Ein Hospiz löst oft Berührungsängste aus


Nach wie vor möchten trotzdem nicht alle Menschen in ein Hospiz. Weil das Angst in ihnen auslöst. Steht man vor der Entscheidung, in ein Hospiz zu gehen, ist klar, dass die allerletzte Lebensphase begonnen hat. Sich das bewusst zu machen, ist natürlich nicht leicht. Bevor sowas eintritt, setzen sich viele gar nicht damit auseinander, was in einem Hospiz eigentlich passiert. Ich kann das übrigens verstehen, denn nicht jeder kann oder will sich bewusst mit dem eigenen Sterben auseinandersetzen. Und auch ich hätte wohl vor einigen Jahren noch gesagt „in ein Hospiz möchte ich nicht, denn dort muss ich ja sterben.“ Irgendwie paradox – denn dass ich sterben muss, weiß ich ja schon heute. Sollte ich eine unheilbare Krankheit bekommen, ändert auch ein Aufenthalt in einem Hospiz nichts daran. Dass ein Hospiz aber ein sehr würdevoller und sogar schöner Ort für letzte Lebensphase sein kann, das darf ich im Moment in meiner Ausbildung lernen.

Wie ein Hospiz wirklich ist


Ich lerne, dass Menschen mit ganz unterschiedlichen Krankheitsbildern in ein Hospiz kommen. Meine Vorstellung, dass hier ausschließlich Menschen mit Krebs im Endstadium behandelt werden, wird wiederlegt. Ein Hospiz ist speziell auf die Bedürfnisse von Schwerstkranken ausgerichtet. Menschen in einem Hospiz sind nicht in erster Linie Patienten, sondern Gäste. Hier geht es nicht nur darum, Schmerzen gezielt zu lindern. Sondern auch darum, die Menschen in ihrer letzten Lebensphase mit ihren Bedürfnissen sehr ernst zu nehmen. Sie als Menschen wahrzunehmen und nicht nur als jemanden mit einer Krankengeschichte. Sie zu umsorgen, und zwar liebevoll und individuell. Ich spüre in meiner Ausbildung, wie intensiv hier auf Sterbende eingegangen wird. Wie sie unabhängig von sozialem Status betreut und ernstgenommen werden. Sie sind von Personal umgeben, das sich viel mit dem Sterben auseinandersetzt und das in der Lage ist, auf die Ängste der Betroffenen und Angehörigen einzugehen. Menschen, die sich Zeit nehmen. Die zuhören. Die auf die Sterbenden eingehen und sie begleiten, so wie sie es brauchen. Die die Angehörigen stützen. In meinen Texten zu meiner Ausbildung erzähle ich Euch von den vielen Werten, die die Sterbebegleitung hier ausmacht und die mich jedes Mal fasziniert darauf blicken lässt, wie würdevoll der Umgang hier ist. Und ein weiterer wichtiger Punkt ist: In einem Hospiz gibt es keine Massenabfertigung, denn Hospize in Deutschland dürfen maximal 16 Betten haben. In Flörsheim gibt es zum Beispiel nur 12 Betten und zwei Zimmer für Angehörige.

Wie finanziert sich ein Hospiz und muss ich selbst für den Aufenthalt bezahlen?


Wird man selbst oder ein naher Angehöriger sehr schwer krank, bricht Vieles über einem ein. Wie geht es jetzt weiter? Was genau muss man beantragen, beachten? Ganz abgesehen von all der seelischen Belastung kommen schnell auch finanzielle Sorgen dazu. Davon sollen sowohl Sterbende als auch Angehörige im Hospiz verschont bleiben. 95 % der Kosten werden von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen, diese holen sich einen Teil von der Pflegekasse zurück (jede Krankenkasse hat eine eigene Pflegekasse). Zu 5 % ist das Hospiz auf Spenden der Bevölkerung angewiesen. Für Betroffene und Angehörige gibt es in der Regel keinen Eigenanteil. In Flörsheim ist es so, dass nur ein kleiner Obolus für Telefon, Fernsehen und Klimaanlage anfällt.

Hospizarbeit gibt es auch ambulant


Im Hospiz Lebensbrücke kann man stationär aufgenommen werden, man hat dort also ein eigenes Zimmer und wird rund um die Uhr versorgt. Das ist aber nicht alles, Hospizarbeit findet auch zu Hause statt. So kommen die Begleiter*innen zusammen mit den Teams rund um die palliative Pflege zum Einsatz. Die Hospizbegleiter*innen übernehmen dabei keine klassische pflegerische Arbeit, sondern sind in erster Linie für die soziale Betreuung der Sterbenden und ihren Angehörigen zuständig. Sie unterstützen aber auch praktisch und zeigen zum Beispiel, wie man Sterbenden bei der Mundpflege helfen oder wie man ihnen Flüssigkeit geben kann.

Der Mensch zählt


Ich hoffe, ich konnte Dir ein wenig näherbringen, was ein Hospiz genau ist. Und dass viele meiner „Schlagworte“, die ich im Kopf hatte, nichts mit der Wirklichkeit zu tun haben. Für mich ist sehr klar, dass ich sehr gerne in ein Hospiz möchte, wenn ich einmal unheilbar krank bin. Denn hier würde ich mich aufgehoben und verstanden fühlen. Zum Schluss noch ein Satz, den sich das Hospiz Lebensbrücke in Flörsheim auf die Fahnen geschrieben hat und der für mich das ausdrückt, was ein Hospiz so besonders macht. Nämlich, dass hier der Mensch zählt.


Du zählst, weil Du bist, wer Du bist.

Und Du zählst bis zum letzten Moment Deines Lebens

Cicely Saunders

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