Trauer

Warum Du Dir in Deiner Trauer Vorbilder suchen solltest

Ein großes Vorbild in meiner Trauer: Alfred

Als ich Alfred zum ersten Mal traf, war ich an meinem absoluten Tiefpunkt. Wir hatten noch kein Wort gewechselt und er sah mich weinen wie kaum jemand zuvor. Still saß er da, hielt mit mir aus und gab mir Mut. Wie Alfred zu einem Vorbild in meiner Trauer wurde, und warum Dir andere Trauernde auch Kraft schenken können, erzähle ich Dir in diesem Artikel.

Alfred und ich begegneten uns etwa einen Monat nach Papas Tod zum ersten Mal. Wir beide nahmen an einer Trauergruppe teil. Er hatte 2016 seine Frau verloren. Über ein Jahr war sie krank. „Ihr Verlust hat mir einen schweren Schlag versetzt“, erzählte er mir später. Alfred hat quasi alles zusammen mit seiner geliebten Frau gemacht. Insgesamt neun Jahre haben sie zusammen im Ausland gelebt, erst in Südamerika, dann, als sie schon in Rente waren, auf Mallorca. Und jetzt musste Alfred irgendwie alleine zurechtkommen. Seine Tochter hatte ihm geraten, sich an eine Trauerbegleiterin zu wenden. So kam er zur Trauergruppe und fand die Teilnahme sehr hilfreich. Es war wichtig für ihn, sich aussprechen zu können, das tat ihm gut. Alfred hatte diese Trauergruppe schon einmal mitgemacht und nahm nun zum zweiten Mal teil – was maßgeblich mit dazu beigetragen hat, dass er mir von Anfang an sehr viel Mut gemacht hat.


Alfred gab mir ein Versprechen


Denn ich steckte noch mittendrin im Schock, in der Lähmung, der Leere, der Traurigkeit. Ich erzählte davon, dass ich kaum meinen Alltag stemmen konnte, nicht in der Lage war zu arbeiten, zu essen, an etwas anderes zu denken als an meine Trauer. Alfred sagte oft nicht viel in unseren gemeinsamen Stunden. Aber das, was er sagte, war unglaublich wichtig für mich. „Es wird besser, ich verspreche es Euch“, sagte er ganz oft. Ich gebs zu, ich sah ihn an als wäre er ein Alien. Besser? Das hielt ich ehrlich gesagt für vollkommen ausgeschlossen. Und doch gab uns Alfred dieses Versprechen immer wieder. Und er bedrängte uns dabei nicht, er stellte unsere Trauer nicht in Frage, denn er hatte sie selbst gespürt, den Schmerz, er kannte ihn. Aber er erzählte uns auch davon, wie er langsam zurückfand ins Leben. Wie er sich langsam daran gewöhnte, alleine zu leben. Wie er nach und nach wieder Dinge fand, die ihm Freude bereiteten, die ihn erfüllten. Er liebte es, zu lesen, spricht mehrere Sprachen und fuhr bei Wind und Wetter mit seinem Fahrrad zur Trauergruppe. Alfreds Erzählungen waren für mich wie ein ungläubiger Blick in eine Zukunft, die ich mir zu diesem Zeitpunkt noch nicht vorstellen hätte können – und die ich heute lebe. Sein Versprechen, es wurde Wahrheit. Es wurde besser. Ich schaue nach vorne, auch, wenn die Trauer nie vergeht.

Ein einschneidendes Erlebnis stand Alfred noch bevor


Als ich Alfred kennenlernte, war nicht klar, dass er noch vor einer weiteren großen Herausforderung seines Lebens stand. Immer wieder erzählte er uns, wie wichtig ihm seine Radtouren waren, die er trotz seiner über 80 Lebensjahre eisern durchzog. Er wollte mobil sein. Er wollte sich auch weiterbilden, viel lesen, teilhaben, der Kontakt zu anderen Menschen war ihm sehr wichtig. Deswegen besuchte er regelmäßig Sprachkurse.

Eines Tages war Alfred in unserer Gruppe trauriger als sonst. Ruhiger. Zurückgezogener. Er erzählte uns davon, dass er Probleme mit seinen Augen hat. Er lebte mit einer Augenerkrankung, deswegen musste er immer wieder Spritzen bekommen. Und nach einer dieser Spritzen verschlechterte sich sein Augenlicht rasant. Er konnte nicht mehr lesen. Nicht mehr fahrradfahren. Und irgendwann nicht mehr alleine leben. Ein weiterer Verlust, der all seine Kraft forderte. Ich habe selten einen Menschen mit einer größeren seelischen Widerstandskraft kennengelernt als Alfred. Denn von alldem hat er sich nicht unterkriegen lassen. „Wenn jammern helfen würde, würde ich Tag und Nacht jammern“, sagt er fast lächelnd. „Aber es bringt nichts. Deswegen wende ich meine Energie in Positives um“.

Ein neuer Alltag


Als ich mit Alfred über sein Leben ohne sein Augenlicht spreche, bin ich absolut beeindruckt davon, wie er damit umgeht. Er hat sich voll auf seine neue Situation eingerichtet. Im Haus seiner Tochter, wo er jetzt lebt, findet er sich fast ohne Hilfe zurecht. Er hat sich einen Smartspeaker gekauft, mit dem er seinen „Lese“-Stoff bekommt. Darüber hört er Musik, Hörbücher und Nachrichten. Er ist ein liebevoller Vater und Opa und nimmt nach wie vor regelmäßig an den Sprachkursen teil, die er auch schon vorher besucht hat. Der Austausch mit anderen ist ihm wichtig. „Und ich bin nicht allein“, sagt er dankbar. „Das ist mir ganz wichtig.“

Es wird besser – aber Trauer darf sein!


Ich versuche, mir viel von dem, wie Alfred mit seinen Verlusten umgeht, abzugucken. Versuche, das Positive zu sehen. Versuche daran zu glauben, dass man aus jeder Situation irgendwie das Beste herausholen kann. Ich bin unglaublich dankbar, ihn kennengelernt zu haben. Immer wieder denke ich an die Momente zurück, in denen er mir sagte „ich verspreche Dir, es wird besser“. Das gebe ich auch heute voller Überzeugung an die Trauernden weiter, mit denen ich arbeite. Wann und wie es besser wird, ist natürlich für jede*n anders. Aber Trauer verändert sich, mit den Wochen und Monaten, die sie an unserer Seite ist. Sie ist nie wirklich weg. Ich würde sie auch nie wegreden wollen, denn das hat überhaupt keinen Sinn. Sie drückt schließlich die Liebe aus, die wir zu unseren Verstorbenen empfinden. Diese Liebe kann nicht mehr so ausgedrückt werden wie früher, also trauern wir. Deswegen ist Trauer wichtig. Und ich halte es auch für unbedingt wichtig, sie leben zu dürfen.

Setz Dich nicht unter Druck


Das Versprechen, dass alles besser wird, soll also keine Aufforderung sein, dass es Dir nun endlich mal besser gehen muss. Ganz im Gegenteil. Gerade zu Beginn der Trauer ist dieses Gefühl einfach unvorstellbar und ich habe mich von Außen auch bedrängt gefühlt, wenn ich den Eindruck hatte, ich solle doch jetzt krampfhaft daran glauben, dass sich alles ins Positive drehen wird. Hier gilt, wie bei allem in der Trauer: DEIN Tempo ist entscheidend. Denke nicht, Du müsstest ganz schnell raus aus der Traurigkeit und dem Kummer, den Du vielleicht empfindest. Denn das geht nicht von jetzt auf gleich. Und Traurigkeit braucht Raum. Aber: Irgendwann, mit der Zeit wird die Trauer milder. Aushaltbarer. Wenn Du ganz am Beginn Deiner Trauer stehst, gib nicht auf, es werden Zeiten kommen, die sich nicht mehr nur dunkel, kalt, hoffnungslos und unendlich traurig anfühlen.

Suche Dir Vorbilder

Ich wünschte, jede*r Trauernde da draußen hätte seinen oder ihren ganz „eigenen Alfred“. Deswegen überleg doch mal: Vielleicht hilft es Dir, Dir auch Vorbilder zu suchen. Sieh Dich um nach Menschen, die auch einen Verlust erlebt haben, die Dich inspirieren. Mir hat das am Anfang sehr viel Kraft gegeben. Sieh Dir an, wie sie leben. Wie sie auch lachen und fröhlich sein können. Wie sie sagen können „ich habe gelernt, mit meiner Trauer zu leben“.

Und dann fasse den Glauben daran, dass das auch für Dich möglich ist.

5 Comments

  • Ulla Bennstein

    Vielen Dank, liebe Sabine, für den schönen Beitrag!
    Es ist bei mir eher so, dass die Trauer sich verändert, aber wirklich „besser“ ist es jetzt, nach etwas mehr als zwei Jahren nach dem plötzlichen Tod meines Mannes, noch nicht geworden!
    Ich hätte auch gerne einen Alfred!
    Fühl Dich gedrückt von
    Ulla 😘❤️

    • Sabine

      Liebe Ulla, danke für Deine Worte. Ich wünsche Dir von Herzen, dass Du weiter ganz Dein Tempo in der Trauer gehen kannst. Du kannst stolz sein auf Deinen Weg. Für jeden ist das ja anders, vielleicht wird es für Dich nie ein wirkliches „besser“ geben. Eine so tiefe Liebe hat Euch verbunden und tut es noch, das nimmt Dir niemand. Und trotzdem bleibt es traurig, für immer. Auch, wenn es mit der Trauer nicht „besser“ wird für Dich, wünsche ich Dir Momente, in denen Du lachen kannst. Dein Lachen ist so wundervoll, das muss die Welt einfach sehen. Ich wünsche Dir schöne, unbeschwerte Erinnerungen und dass Du Dir dieser Liebe immer bewusst sein kannst, auch über den Tod Deines geliebten Mannes hinaus. Fühl Dich auch umarmt. Alles Liebe :-*

  • Ilona

    Liebe Sabine,
    ein wunderschöner Bericht. Mir kamen die Tränen und wünschte mir, auch so stark zu sein, wie Alftred ist. Ich bin froh, unseren Alfred kennengelernt zu haben und freue mich sehr auf ein baldiges Wiedersehen. Du bist mein Vorbild ( wenn es ok ist für dich).
    Herzliche Grüsse Ilona

  • Beate

    Liebe Sabine,
    das ist in der Tat ein wundervoller Artikel. Schon die Überschrift hat mich total neugierig gemacht auf diesen Alfred, Vor einem Jahr ist mein Mann, mein Herzensmensch an Krebs gestorben. Ich bin auch fest davon überzeugt, dass es besser wird, aber oft bin ich so ungeduldig mit mir…. Da wäre ein Alfred gut, der mich einbremst, aber gleichzeitig ermutigt. Vielen Dank für diesen schönen Beitrag, ich werde jetzt versuchen, in Gedanken ab un zu mal „Alfred!“ zu denken und hoffe, dass das mich dazu inspiriert, weiter fest daran zu glauben, dass irgendwann das Grau sich wieder in Farbe verwandelt (und nur eine kleine graue Ecke bleibt 🙂 und die dann auch bleiben darf. Alles Liebe, Beate

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