Hospizarbeit

Papa wird sterben – mit Kindern über Krebs sprechen

Wie ein Wellenbrecher diesen Stein kann enge Angehörige die Nachricht von einer schweren Krebsdiagnose treffen – und trotzdem ist es wichtig, darüber zu sprechen. Insbesondere mit Kindern.

Dass eine Krebserkrankung für eine Familie ein sehr einschneidendes Erlebnis ist, habe ich selbst erlebt. Der Tod meines Papas hat unser aller Leben verändert, die Zeit zwischen der Diagnose und seinem Sterben mich an meine äußersten Grenzen gebracht. Oft herrscht in solchen Situationen in Familien Sprachlosigkeit. Wie kann den Kindern gesagt werden, dass ein Elternteil unheilbar an Krebs erkrankt ist? Sagt man es überhaupt? Was ist dabei wichtig? Darum ging es beim Hospiztag des Main-Taunus-Kreises Ende Juni. Als Referentin erzählte Dr. Bianca Senf aus ihrem Alltag als Psychoonkologin an der Universitätsklinik in Frankfurt.



Was Psychoonkologen tun


Obwohl ich meinen Papa an Krebs verloren habe, wusste ich nicht, was Psychoonkologen tun. Sie betreuen krebskranke Menschen und ihre Angehörigen. An sie kann man sich wenden, wenn man selbst betroffen oder damit überfordert ist, seine Familie über die eigene Erkrankung zu informieren. Die Haltung von Frau Senf war übrigens ziemlich klar: Je näher mir ein Mensch steht, desto eher und desto klarer sollte ich ihn einbeziehen. Denn erfährt ein geliebter Mensch erst sehr spät von einer solchen Diagnose, ist der Umgang damit umso schwerer.

Ich erfahre, dass Eltern oft überfordert damit sind, ihren Kindern eine schwere Diagnose nahezubringen. Und das kann ich absolut nachvollziehen. Wie würde ich wohl selbst handeln? Würde ich mein Kind einbeziehen? Ehrlich gesagt war mein erster Gedanke: Nein. Denn ich möchte mein Kind doch schützen, so lange es geht. Dass das Verschweigen einer Diagnose aber schlimme Folgen haben kann, war mir nicht klar. Denn Kinder spüren, dass etwas nicht stimmt. Kleinere Kinder sind oft direkter und fragen unverblümt nach, wenn sie merken, dass etwas nicht in Ordnung ist. Je größer die Kinder werden, desto eher wollen sie ihre Eltern aber schonen. Die Folgen sind fatal, denn was dann folgt, ist Schweigen. Wenn dann auch noch die Eltern schweigen, fällt die Familie in ein kommunikatives Loch. Die Auswirkungen von Sprachlosigkeit in einer solchen Situation sind oft nicht absehbar. Manchmal werden die Kinder recht schnell verhaltensauffällig, manchmal zeigen sich die Folgen aber auch erst im Erwachsenenalter.

Wie informiere ich mein Kind oder nahestehende Menschen?


Die Kinder sollten also von der Diagnose erfahren. Wie man das angeht ist natürlich immer sehr individuell. Wichtig ist auf jeden Fall, die Kinder so früh wie möglich zu informieren. Denn für sie ist es wichtig, Schritt für Schritt den Verlauf der Krankheit zu verstehen und mitgehen zu können. Welche grundsätzlichen Informationen wichtig sind, hat die American Cancer Society festgelegt. Hier einige davon:

Die Erkrankung konkret benennen, das Wort „Krebs“ sollte ausgesprochen werden.

Das macht es für viele Kinder klarer und greifbarer. Weil viele Kinder schon von Krebs gehört haben, sollte man das auch nicht verschweigen. Und oft spricht sich eine solche Erkrankung schnell herum. Wenn dann die Eltern nicht klar sind, das Kind aber von anderen Kindern (die ja oft sehr unverblümt sein können) mit dem Satz „Deine Mama hat ja Krebs und wird bald sterben“ mit der wirklichen Diagnose konfrontiert wird, ist das fatal.

Das betroffene Körperteil benennen.

Wichtig ist hier allerdings, die Krankheit vor allem bei kleineren Kindern nicht an deren eigenem Körper zu erklären, weil das zu Ängsten führen kann.

Erklären, wie die Behandlung aussieht.

Also auch, dass sich Mama oder Papa vielleicht äußerlich verändern werden, dass sie öfter müde sind und zur Behandlung öfter ins Krankenhaus müssen.

Erklären, welche Auswirkungen die Krankheit konkret auf das Leben der Kinder hat.

Zum Beispiel, dass Mama sie für eine bestimmte Zeit nicht mehr von der Kita abholen kann.

Ich kann in einem Artikel nicht allumfassend wiedergeben, was der richtige Weg ist, ein solches Thema zu besprechen. Denn natürlich gibt es zum Beispiel auch Unterschiede je nach Alter des Kindes. Ich kann Dir aber eine Broschüre empfehlen, die Dr. Bianca Senf zu diesem Thema herausgegeben hat. Ich finde sie sehr hilfreich. Dort findest Du viele ausführliche Infos zu diesem Thema und kannst beispielsweise Tipps dazu nachlesen, welche Worte Du finden kannst, wenn Du mit Deinem Kind sprichst und wann der richtige Zeitpunkt für ein Gespräch sein kann. Außerdem hat Dr. Bianca Senf in diesem Buch einen Artikel zum Thema veröffentlicht, der Dir auch weiterhelfen kann.

Kinder nicht außen vor lassen


Wichtig zu wissen ist, die Punkte, die ich oben genannt habe, geben den Kindern Sicherheit und Struktur, helfen zu begreifen, dass sich etwas verändert und warum. Ich denke mich hinein in die betroffenen Kinder (denn ich bin ja selbst eines) und erkenne: Je später die Kinder von der Diagnose erfahren, desto mehr müssen sie sich doch alleingelassen fühlen. Lässt man Kinder außen vor, vermittelt man ihnen auch das Gefühl, dass sie es nicht schaffen, diese Situation auszuhalten, und das kann massive Auswirkungen auf das spätere Leben haben. Kinder sollten mitgenommen und ernst genommen werden. Und das gilt auch für den Moment, in dem es keine Hilfe mehr gibt: Stirbt ein Elternteil, sollte das Kind auf jeden Fall zumindest die Möglichkeit bekommen, dabei zu sein. Nicht ohne Vorbereitung, nicht ohne Begleitung (genau dafür gibt es Psychoonkologen), aber das Kind bewusst und ohne mit ihm zu sprechen auszuschließen, ist nicht gut. Mir leuchtet die Erklärung von Dr. Bianca Senf sofort ein. Sie beschreibt das Sterben als elementare Situation für eine Familie. Nimmt man Kinder, die ja Teil dieser Familie sind, bewusst und ohne Rücksprache einfach da raus, wird das dem Kind nicht gerecht.

Niemand muss da alleine durch


Mir ist vollkommen klar, dass es für dieses Thema keine Pauschalanleitung gibt. Denn Eltern, die damit konfrontiert sind, ihre Kinder über eine Krebserkrankung zu informieren, sind in einer absoluten Ausnahmesituation. Sie müssen doch selbst erst einmal begreifen, was da passiert. Denn die Kinder verlieren vielleicht nicht nur Mama und Papa, sondern auch ein Mensch seinen oder ihren Lebenspartner/in. So viel kommt in einer solchen Situation zusammen, dass eine Überforderung doch vorprogrammiert ist. Mir war nicht bewusst, dass Eltern in dieser Situation nicht allein sind. Jede Klinik, die eine onkologische Abteilung hat, sollte auch eine psychoonkologische Betreuung haben, an die man sich wenden kann. Außerdem gibt es eine Reihe von weiteren Beratungsstellen, die man in Anspruch nehmen kann.

Im Übrigen ist das Meistern einer solchen Situation für Kinder natürlich herausfordernd, aber nicht immer negativ. Darin liegt auch eine Chance, denn betroffene Kinder entwickeln oft ganz besondere Fähigkeiten und gehen später in helfende Berufe.

Und das erinnert mich wieder ein bisschen an meine eigene Geschichte. Die Zeit, in der mein Papa krank war und später starb, war die bislang schlimmste meines Lebens. Und dennoch nehme ich so unglaublich viel daraus mit. Und sei es nur die Gewissheit, all das irgendwie überstanden zu haben.

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