Allgemein,  Hospizarbeit

Mein erster Nachmittag im Hospiz

Nun war es also soweit – mein erster Nachmittag im Hospiz stand an. Wir sollten das Haus kennenlernen und wichtige Basics zum Thema häusliche Krankenpflege lernen. Wie sieht es im Hospiz aus? Wie ist die Atmosphäre? Welche Räume gibt es? Ich war eingestellt auf eine klassische Führung durchs Haus – und dann kam mir der Tod doch sehr nah. Bewegende Stunden warteten auf mich, von denen ich Dir in diesem Artikel erzähle.


Als ich mich auf den Weg ins Hospiz Lebensbrücke in Flörsheim mache, bin ich gespannt auf das, was auf mich wartet. Ich weiß, dass es an diesem Samstag Nachmittag noch nicht darum geht, Menschen zu begleiten. Sondern wir sind zum ersten Mal überhaupt im Hospiz und sollen das Haus erst einmal kennenlernen. Deswegen habe ich erst einmal gar nicht so viel „Angst“ vor dem, was dort auf mich warten könnte. Wir beginnen im Begegnungsraum, in dem alle Gäste (so werden die Bewohner hier genannt) des Hospizes zusammen essen, soweit sie das noch können. Der Pflegedienstleiter des Hauses, Carsten Schöne, nimmt uns in Empfang und erklärt uns das Konzept der Räume. Offen, hell, freundlich. In der Mitte des Raumes steht ein Klangstuhl. Ich habe sowas noch nie gesehen. Ein Stuhl, der eine ganz hohe Rückenlehne hat und leicht nach innen gewölbt ist. An der Rückseite des Stuhls sind Saiten angebracht. Werden diese vorsichtig gestrichen, entsteht für denjenigen, der im Stuhl sitzt, ein wundervoller, fast raumgreifender Klang. Wir probieren den Stuhl aus und sind absolut angetan von der Wirkung. Carsten Schöne erklärt uns, dass auch die Gäste des Hauses den Stuhl gerne nutzen. Oft auch nachts. „Manche Gäste kommen nachts nur schwer zur Ruhe, sie sind rastlos. Das belastet sie natürlich. Dann setzen sie sich in diesen Stuhl und wir helfen ihnen dabei, etwas zur Ruhe zu kommen.“


Der Klangstuhl im Aufenthaltsraum

Bewegende Blicke in ein Gästezimmer


Dann gehen wir weiter in eines der Zimmer. Der Gast dieses Zimmers ist vergangene Nacht verstorben, vor einigen Stunden wurde er abgeholt. Und ich merke, dass der Tod noch lange nicht so selbstverständlich in meinem Alltag angekommen ist, wie ich das dachte. Es ist ein komisches Gefühl, in dieses Zimmer zu gehen. Und doch spüre ich dort eine ganz besondere Energie. Das Zimmer ist hell, es riecht gut, an der Wand erinnert ein Plakat mit einer Weltkugel an den Gast. Die Gäste, die ins Hospiz einziehen, dürfen ihre Zimmer individuell gestalten. Das reicht von der Wandgestaltung über eigene kleine Möbel bis hin zur eigenen Bettwäsche. Es geht um eine Atmosphäre, in der sie sich wohlfühlen können. Jedes Zimmer hat eine Terrasse oder einen Balkon. Die Tür nach draußen ist so breit, dass auch das Bett hinaus geschoben werden kann. Denn auch Menschen, die nicht mehr aus dem Bett aufstehen können, sollen den Himmel sehen dürfen. Apropo Himmel – in den Zimmern sind die Decken mit kleinen Glitzerpartikeln gestrichen. Bei Dämmerung oder einem bestimmten Lichteinfall funkelt die Decke wie ein Sternenhimmel.

Ein Chor singt für die Gäste


Während wir das Zimmer anschauen, hören wir draußen im Aufenthaltsraum einen Chor. Wir gehen hinaus und hören zu. Der Chor singt „Angels“ von Robbie Williams. Und der Aufenthaltsraum ist leer. Denn viele der Gäste schaffen es einfach nicht mehr hier her. Das heißt aber nicht, dass sie keinen Anteil an der Musik nehmen. Über ein Mikrofon wird der Gesang in jedes einzelne Zimmer übertragen. Ich halte die Luft an, denn mich berührt dieser Moment sehr. Der Gesang. Der wundervolle Gedanke der Teilhabe, auch in der allerletzten Phase des Lebens.

Und dann kommt mir der Tod plötzlich ganz nah


Ein Stockwerk höher sitzt eine Frau in einem Sessel im Flur und telefoniert. Neben ihr steht vor einem Zimmer eine Kerze. Liebevoll arrangiert. „Der Gast aus diesem Zimmer ist vor zwei Stunden verstorben“, erklärt uns Carsten Schöne. Ich muss schlucken. Auch, weil ich all die Energie so stark spüre. Weil ich die Angehörigen sehe und aus eigener Erfahrung genau weiß, dass ihre Welt gerade still steht. Ich bin berührt und spüre einen Kloß im Hals. „Ich wollte Euch nur kurz informieren“, sagt die Frau am Telefon. Was muss dieser Verlust für sie gerade bedeuten? Und wie werde ich später als Hospizhelferin damit umgehen? Den Tod so nah zu spüren finde ich auf der einen Seite sehr faszinierend, einfach, weil sich die Stimmung so sehr ändert. Alles wird still. Die Uhren ticken langsamer, nein, die Zeit bleibt stehen. Andererseits spüre ich auch den Schmerz und das Leid. Den Beginn einer Phase der Trauer, die nicht so schnell enden wird. Puh. Ich muss wirklich schlucken. Die Angehörigen eines Verstorbenen bekommen hier für den Abschied, den sie brauchen, Zeit. Niemand hetzt sie, der Verstorbene wird nicht sofort abgeholt. Sondern das hat erst einmal Zeit. Ist es dann soweit, dass das Bestattungsunternehmen benachrichtigt wird, wird der Verstorbene im Sarg von allen Pflegern und Helfern im Hospiz zur Tür begleitet. Denn im Hospiz gilt ein Mensch als Gast, so lange er da ist. Ob lebendig oder verstorben.


Rückzugsort für Angehörige


Wir lernen den Raum der Stille kennen. Dort finden Andachten für Verstorbene statt, außerdem kann man sich hierher zurückziehen, wenn man Stille braucht. An der Wand hängt ein Holzrahmen, in den Wollfäden verwoben sind. Ein Ritual für die Angehörigen: für jeden Verstorbenen wird hier ein Faden eingewoben, als Erinnerung. Die Fenster sind mit wunderschöner Glaskunst verziert und an der Wand findet sich ein riesiger Lebensbaum aus Spiegeln. Bei längerem Hinsehen gibt es hier einiges zu entdecken, Äpfel, Birnen, Vögel, Schiffe… wenn man möchte, kann man über die einzelnen Puzzleteile des eigenen Lebens nachdenken. Die Farben des Raumes sind warm.


Kurze Einführung zur Krankenpflege


Als wir zum zweiten Teil des Nachmittags übergehen, den Basics zur Krankenpflege, bin ich immer noch nachhaltig beeindruckt von dem, was ich in den letzten Minuten gespürt habe. Und doch lachen wir zwischenzeitlich auch wieder, als wir gegenseitig versuchen, uns aus dem Stuhl oder dem Bett aufzuhelfen. Denn auch das wird möglicherweise Teil meiner Arbeit werden. Auch, wenn ich als Hospizhelferin nicht für Pflege zuständig bin, kann es doch einmal vorkommen, dass ich in einer Begleitung jemandem hochhelfen darf. Und darauf werden wir heute vorbereitet.

Als wir wieder zum Ausgang gehen, zeigt uns Carsten Schöne am Eingang noch einen Steinkreis aus Kerzen. Eine Kerze brennt. Sie steht für den Verstorbenen, der im Moment noch im Haus ist.


Den Tod zu spüren bleibt eine Herausforderung für mich


Ich gebe zu, dieser Nachmittag hallt bei mir sehr stark nach. Zum Einen weil ich zutiefst beeindruckt bin von all der Liebe, Hingabe, dem Respekt und der Würde, die in diesem Hospiz zu spüren sind. Von all den Details, an die gedacht wurde, um Wohlbefinden zu schaffen. Zum Anderen merke ich auch, dass Theorie und Praxis einfach zwei ganz unterschiedliche Dinge sind. Den Tod in meiner Ausbildung zur Hospizhelferin in der Theorie anzusehen ist schon manchmal nicht einfach. Ihn so nah zu spüren, wie ich das heute Nachmittag tat, noch einmal etwas ganz anderes. Schritt für Schritt werde ich mich dem annähern. Und werde hoffentlich immer mehr akzeptieren können, dass der Tod zum Leben dazugehört, für uns alle.

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