Hospizarbeit

Ein Tag im Hospiz – Teil 1

Alltag im Hospiz, eine Hand, die gehalten wird.

Meine Ausbildung zur Hospizhelferin habe ich abgeschlossen – nun bin ich in der Praxis. Meine Einsätze im Hospiz sind intensiv, bereichernd, berührend, traurig und erfüllend. Ich erzähle Dir heute im ersten Teil meines Praxisberichts davon.


Triggerwarnung: Wenn Du kürzlich einen Menschen verloren hast, nimm Dir genug Zeit um zu überlegen, ob Du diesen Text lesen möchtest. Es geht um Menschen in ihrer allerletzten Lebensphase. Um das Begleiten von Sterbenden. Um Situationen direkt nach dem Sterben oder kurz davor. Bitte entscheide achtsam für Dich, ob Du diesen Text lesen möchtest.


Als ich beim Hospiz ankomme, steht der Bestattungswagen vor der Tür. Bei einem Hospiz mag das ein normaler Anblick sein, ich schlucke trotzdem erst einmal. Ein Gast, der gestern verstorben ist, wird jetzt abgeholt. Mein Dienst beginnt damit, ihn im Sarg aus seinem Zimmer zum Bestattungswagen nach draußen zu begleiten. Das gehört dazu im Hospiz – Pflegekräfte und Hospizhelfer gehen hinter dem Sarg mit zur Eingangstür und verabschieden den Gast. Denn er ist Gast in diesem Haus – ob er nun tot oder lebendig ist.

Vor drei Wochen begegneten wir uns zum ersten Mal


Ich muss erst einmal einen Moment durchatmen. Denn auch wenn ich mich bewusst dafür entschieden hatte, den Gast im offenen Sarg zu sehen, ist das für mich doch eine ungewöhnliche Situation. Friedlich sah er aus. Mit ihm im Sarg lag ein Palmwedel. Lange Zeit seines Lebens hatte er in Afrika gelebt und viel davon erzählt. Neben seinem Kopf liegt eine Schachtel Zigaretten. Ich erinnere mich noch an meine erste Begegnung mit ihm vor drei Wochen. Da war er gerade eingezogen und noch sehr zurückhaltend damit, seine Wünsche zu äußern. Für uns Hospizhelfer ist es ganz normal, für die Gäste im Supermarkt Dinge einzukaufen, die sie brauchen. Er bat mich also, ihm zehn Schachteln Zigaretten zu kaufen – der Automat an der Supermarktkasse streikte. Ich hatte noch nie so viele Schachteln auf einmal gekauft 😉 Aber natürlich wurde ihm dieser Wunsch erfüllt.

Und jetzt sah ich ihn da vor mir im Sarg. Und war dankbar, dass er seinen Weg geschafft hat. Dass er so friedlich aussah. Und dass wir ihn so würdevoll verabschieden konnten. Im Hospiz wird übrigens sehr achtsam entschieden, wer den oder die Verstorbenen noch einmal sieht. Weil ich ihn kannte, war das okay. Auch, wenn ein Mensch schon verstorben ist, kann es übergriffig sein, sich ihn im Sarg einfach anzusehen. Gerade dann. Dass das nicht passiert, wird im Hospiz sichergestellt.

Ich erlebe selbstbestimmtes Sterben hautnah


Ich besuche eine Frau, die seit einigen Tagen bewusst nichts mehr isst. Sie ist vollkommen klar, ansprechbar und sich ihrer Endlichkeit bewusst. Sie trinkt nur noch Apfelessig in kleinen Schlucken. Sie hat sich selbst dazu entschieden, nichts mehr zu sich zu nehmen. Eine Metastase sitzt in ihrem Kopf, sie möchte nicht mehr leben. Sie zieht sich zurück, regelt letzte Dinge und wünscht sich, dass sie bald gehen darf. Irgendwie komisch, denke ich mir, dass ich mich eigentlich noch ganz normal mit ihr unterhalten kann.

Hier im Hospiz wird respektiert, wenn sich jemand gegen die Nahrungsaufnahme entscheidet. Niemand muss etwas essen, wenn er oder sie nicht möchte. Dennoch wurde die Frau natürlich jeden Tag gefragt, ob sie nicht doch etwas essen möchte. Und ihr „nein“ wird dann akzeptiert. Sehr oft sagte sie nein – nur an einem Tag, an dem sie bewusst noch etwas erledigen wollte, nahm sie eine Kleinigkeit zu sich. Um dann am nächsten Tag wieder nichts zu essen. Und das ist vollkommen okay. Jeder darf den Weg so gehen, wie es für sie oder ihn richtig ist. Die Klarheit, mit der die Frau entschieden hat, ihren Weg zu gehen, finde ich beeindruckend. Selbstbestimmt sterben, hoffentlich schmerzfrei. Mehr kann man einem Menschen nicht wünschen, wenn er eine unheilbare Krankheit hat.

Es gibt viel zu tun


Auf meinem Plan steht heute einiges: Gespräche mit Gästen, Angehörigen, mithelfen bei der Essensausgabe. Eine Frau, mit der ich vor drei Wochen ein sehr langes, intensives Gespräch geführt habe, liegt im Sterben. Mein Wunsch ist es, noch einmal zu ihr zu gehen, mich von ihr zu verabschieden und ihr eine gute Reise zu wünschen. Das wird mich zum Ende meines Dienstes noch sehr herausfordern.

Mit Frau M.* spreche ich über das Leben und den Tod


Erst einmal treffe ich eine Frau, die mir seit unserer ersten Begegnung ans Herz gewachsen ist. Wir haben bei jedem unserer Treffen ganz besondere Gespräche geführt. Sie ist 92 Jahre alt. Hat viel erlebt, hat ihr Augenlicht und auch den Rest ihrer Gesundheit verloren. Ist aber trotzdem unglaublich zugewandt, hat einen tollen Humor und eine beeindruckende Art, mit dem Tod umzugehen. Nicht mit allen Gästen spreche ich über den Tod. Ich verlasse mich auf mein Gefühl und auf mein Gespür dafür, ob mein Gegenüber darüber sprechen möchte. Frau M. wollte darüber sprechen und war sehr „aufgeräumt“. Angst vor dem Sterben habe sie nicht, sagt sie. Sie hofft einfach nur, dass sie keine großen Schmerzen haben muss. Wir sprechen über ihre Wohnung, die sie nun verlassen musste. Sie kam von einem Besuch beim Hausarzt in die Klinik und von dort aus ins Hospiz. Kein Zwischenstopp zu Hause. Kein Wiedersehen. „Ich weiß, dass ich nicht mehr in meine Wohnung zurückkomme“, sagte sie ganz selbstverständlich. Ohne Traurigkeit in der Stimme, voller Akzeptanz. Ich bin sehr beeindruckt davon.

Frau M. gewinnt mit ihrem Humor schnell mein Herz


Wir sprechen über früher und Zeiten, in denen die Wäsche noch mit der Hand gewaschen wurde. Für Menschen aus dieser Generation ist unser technologischer Fortschritt sehr herausfordernd, verändert sich alles doch unglaublich schnell. Sie klagt mir ihr Leid darüber, dass kürzlich zu Hause ihre Waschmaschine kaputtging, als sie schon weitgehend erblindet war. Sie plagte sich mit der Lupe vor der Digitalanzeige und war überfordert mit Programmen wie dem Waschgang für „Outdoorbekleidung“, obwohl sie doch die einfachste Maschine haben wollte, die es auf dem Markt gibt. Sie schimpft ausgiebig auf ihre Waschmaschine, mit der sie nie wirklich warm geworden ist. Und dann sagt sie mit einem Lächeln auf den Lippen „Wissen Sie, was gut ist daran, dass ich nicht mehr nach Hause komme? Ich muss NIE WIEDER mit dieser Maschine meine Wäsche waschen.“ Spätestens ab diesem Moment hatte sie mein Herz gewonnen – ich konnte mich kaum halten vor Lachen. Solche Gespräche im Hospiz zu führen – damit hatte ich nicht gerechnet.

Als ich Frau M. heute treffe, spürt sie Schwindel und Unwohlsein. Trotzdem kommt sie zum Mittagessen nach draußen und isst tapfer eine kleine Portion. Später erzählt sie mir, dass sie sich abends oft einen Eierlikör genehmigt. Den mag sie so gern – und sogar der Arzt hat das genehmigt! Sowas ist im Hospiz möglich.

Sie erzählt mir von früher, ihrer Familie und ihrem Leben in Frankfurt. Als ich mich wieder verabschieden muss, dankt sie mir. „Es gibt mir wirklich etwas, Frau Sabine, wenn ich Ihnen einfach mal alles erzählen darf. Vielen Dank dafür.“ Sie schenkt mir ein Lächeln, hält meine Hand. „Frau Sabine“ nennt sie mich übrigens, weil sie aus einer Generation kommt, in der man sein Gegenüber nicht einfach so mit dem Vornamen anspricht.

In Teil 2 erzähle ich Dir von einem Gespräch mit einer Angehörigen, die Tag und Nacht am Bett ihres sterbenden Mannes wacht. Und davon, wie ich eine Frau in der intensiven Phase kurz vor dem Sterben begleitet habe.




* Der tatsächliche Name des Hospizgastes soll hier keine Rolle spielen, sicher hast Du Verständnis dafür, dass ich die Namen der Menschen, die ich im Hospiz treffe, anonymisiere.

2 Comments

  • Heike Eiden

    Ich durfte meinen Bruder im Hospiz Trier bis zum Schluss begleiten und was mir besonders in Erinnerung geblieben ist, ist der liebevolle Respekt der ihm bis zuletzt entgegen gebracht wurde. Auch die Unterstützung für uns Angehörige war unglaublich hilfreich. In den 6 Monaten, die mein Bruder im Hospiz war, habe ich etliche der Gäste kennenlernen dürfen. Ich habe unglaubliche Gespräche geführt über Gott und die Welt. Und ich habe den schönsten und stimmungsvollsten Heiligabend meines Lebens am Sterbebett meines Bruders verbracht – aufgefangen von der allgegenwärtigen Liebe im Hospiz.
    Diese Erfahrung hat mir geholfen, als ich letztes Jahr im September meinen Vater im Sterben begleiten durfte. Nur durch sie konnte ich im Krankenhaus dafür sorgen, daß er menschenwürdig gehen konnte.
    Im nächsten Jahr werde ich den Lehrgang zum Hospizhelfer machen. Nirgendwo lernt man mehr über das Leben.

  • Birgit Oppermann

    Vielen Dank für diesen schönen Text! Ich bin auch Hospizbegleiterin (allerdings in einem ambulanten Hospizverein) und finde es sehr spannend, was andere so berichten. Vor allem dann, wenn es so liebevoll geschrieben ist 🙂
    Viele Grüße,
    Birgit

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